Wenn die einen mehr und die anderen weniger Recht auf Leben haben

Ein lesenswerter Artikel über Pränataldiagnostik auf ZEIT Online.

Tamaras Argument gegen den Test war nicht der Test an sich. Der Test ist ein Mittel der Diagnose, er ist die logische Entwicklung der technischen Möglichkeiten. Tamaras Argument war die Frage der Moral. Denn der Test zielt darauf ab, das ungeborene Kind auf Trisomie 21 zu untersuchen, auf das Downsyndrom. Dabei werden zuerst die Nackenfalte des Kindes gemessen und die Hormonwerte der Frau im Blut analysiert. Weichen die Resultate von der Norm ab, gibt es weitere Tests des Blutes der Mutter, und allenfalls die riskante invasive Methode, bei der eine Nadel durch die Bauchdecke der Frau in die Gebärmutter gesteckt wird, um genetisches Material des Kindes zu entnehmen. Experten gehen davon aus, dass 90 bis 98 Prozent aller Frauen abtreiben, die nach diesen Tests eine Downsyndrom-Diagnose bekommen.

Ist es moralisch vertretbar, ein Kind abzutreiben, dessen Aussehen und Intelligenz nicht der Norm entsprechen? Ein Kind, das seine Eltern überfordert? Tamara fand Nein. Ich fand Ja. Aber da war noch ein Punkt: Tamara sagte, sie würde eine Abtreibung nicht verkraften. Das machte den Test für sie irrelevant.

Es gab auch eine Kluft in unserem Bekanntenkreis. Der Großteil von Tamaras Freunden war der Ansicht, sie solle die Tests nicht machen, meine Freunde sagten das Gegenteil. Ich bemerkte, wie wenige Paare nach außen hin über das Thema Behinderung sprechen. Und wenn sie dann doch darüber sprechen, verstricken sie sich in ein endloses Hin und Her von Diskussionen, wobei einige argumentieren, sie könnten sich unter keinen Umständen vorstellen, ein behindertes Kind großzuziehen.

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