Beiträge mit Tag ‘Glück’

“Glück ist, was einem erspart bleibt.”

Diesen Satz habe ich gerade in Viktor Frankls Buch “… trotzdem Ja zum Leben sagen” gelesen. Ein wirklich empfehlenswertes Buch. Frankl überlebte Auschwitz und beschreibt, wie wenig unser Glücksempfinden von unseren Lebensumständen abhängt. Dieser Satz lässt mich nicht mehr los, und ich bin wirklich zutiefst dankbar für alles, was uns in den letzten 11 Jahren erspart geblieben ist.

Er bringt mich aber auch zum Nachdenken. Über so viele (auch banale) Dinge, von denen ich wünschte, sie würden uns nicht erspart bleiben. Wir erleben viele, viele Dinge mit Jaël nicht und werden sie leider auch nie erleben:

  • Ich werde nicht mit ihr über ihr nicht aufgeräumtes Zimmer streiten können.
  • Ich werde mit ihr keine endlosen Diskussionen führen, wie lange sie fernsehen, mit ihren Freunden chatten oder telefonieren darf oder wie lange sie am Wochenende wegbleibt.
  • Ich werde sie nicht über ihr gebrochenes Herz der ersten großen Liebe trösten können.
  • Ich werde nicht stundenlang mit ihr Kleider für ihre Konfirmation, Abiball und Hochzeit suchen können.
  • Wir werden nicht bei einem Sportereignis am Rand stehen und sie anfeuern.
  • Wir werden nicht ihren Text für einen Theaterauftritt mit ihr proben und bei der Aufführung noch nervöser sein als sie…

All diese Dinge gehören zum Elternsein dazu. Nicht zu unserem. Es müsste mich traurig stimmen. Tut es vielleicht auch. Aber was überwiegt, ist das Glück, das ich z.B. jeden Morgen erlebe, wenn ich an Jaëls Bett komme und sie noch atmet und mich freudestrahlend umarmt. Oder wenn wir uns mit unserem Lachen gegenseitig anstecken (so wie gerade während ich diese Zeilen schreibe und sie auf meinem Arm ist), dann weiß ich: Glück ist jetzt. Glück ist nicht das, was ich nicht habe, sondern was gegenwärtig ist: Der Augenblick.

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Ist das nicht traurig?

Jean Vanier, Gründer der Arche-Gemeinschaften, erzählt in einem Interview eine Begebenheit, über die man in diesen Tagen gut noch mal nachdenken kann:

“Eines Tages war ein Mann zu Besuch in unserer Gemeinschaft, und wir saßen in meinem Büro. Plötzlich klopfte es an der Tür, und bevor ich etwas sagen konnte, kam Jean-Claude, ein Junge mit Down-Syndrom, lachend herein. Er schüttelte meine Hand und lachte. Dann schüttelte er dem Besucher die Hand und lachte. Danach verließ er lachend das Zimmer. Der Mann in meinem Büro schaute mich an und sagte: ‚Ist das nicht traurig? Solche Kinder…‘

Ja, es ist wirklich traurig. Es ist traurig, dass dieser Mann vollkommen blind war, er sah nicht, dass Jean-Claude glücklich war. Und das ist die Realität, dass wir vorgefaßte Ideen, Vorurteile haben. Wenn Menschen irgendeine Fehlbildung haben, werden sie als arme kleine Menschen ohne Wert gesehen, während sie in Wirklichkeit vielleicht sehr glückliche Menschen sind.”

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Glücklich durch Leiden

“Menschen brauchen Verletzungen und Schicksalsschläge, um ihre wahre Stärke zu finden, um erfüllt zu leben und um sich vollständig entwickeln zu können. Würde man alles Leid aus dem Leben eines Menschen verbannen, brächte man ihm damit kein Glück, man brächte ihn um das Beste, nämlich von den Widrigkeiten im Leben profitieren zu können.” (Jonathan Haidt, “Die Glückshypothese”)

Wenn ich diese gewagte These lese, dann denke ich an unser Leben. Hätten wir vor 11 Jahren nicht ja zu Jaël gesagt, dann hätten wir das Beste, was uns passiert ist, nicht kennengelernt. Sie hat unser Leben positiv verändert, wir leben viel bewusster und sind glücklicher. Unsere Prioritäten haben sich verschoben, und wir sind daran gewachsen.

Umso mehr bin ich erschüttert über den neuen Schnelltest, mit dem das Down-Syndrom festgestellt werden kann. Wird damit nicht viel zu schnell und leichtfertig zwischen lebenswertem und lebensunwertem Leben unterschieden und selektiert? Und was, wenn man, wie in 95% der Fälle, abtreibt? Dann bleibt immer die Frage: Was wäre gewesen, wenn,….?

Ohne das Leid glorifizieren zu wollen, kann ich als Mama darauf eine Antwort geben: Man bringt sich damit um das Beste, was einem hätte passieren können. Menschen mit Behinderung (egal ob Trisomie 21 oder 18) schauen nicht, was du kannst oder wer du bist, sondern lieben dich einfach. Und erfüllen damit dein Leben…

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