Glücklich durch Leiden

“Menschen brauchen Verletzungen und Schicksalsschläge, um ihre wahre Stärke zu finden, um erfüllt zu leben und um sich vollständig entwickeln zu können. Würde man alles Leid aus dem Leben eines Menschen verbannen, brächte man ihm damit kein Glück, man brächte ihn um das Beste, nämlich von den Widrigkeiten im Leben profitieren zu können.” (Jonathan Haidt, “Die Glückshypothese”)

Wenn ich diese gewagte These lese, dann denke ich an unser Leben. Hätten wir vor 11 Jahren nicht ja zu Jaël gesagt, dann hätten wir das Beste, was uns passiert ist, nicht kennengelernt. Sie hat unser Leben positiv verändert, wir leben viel bewusster und sind glücklicher. Unsere Prioritäten haben sich verschoben, und wir sind daran gewachsen.

Umso mehr bin ich erschüttert über den neuen Schnelltest, mit dem das Down-Syndrom festgestellt werden kann. Wird damit nicht viel zu schnell und leichtfertig zwischen lebenswertem und lebensunwertem Leben unterschieden und selektiert? Und was, wenn man, wie in 95% der Fälle, abtreibt? Dann bleibt immer die Frage: Was wäre gewesen, wenn,….?

Ohne das Leid glorifizieren zu wollen, kann ich als Mama darauf eine Antwort geben: Man bringt sich damit um das Beste, was einem hätte passieren können. Menschen mit Behinderung (egal ob Trisomie 21 oder 18) schauen nicht, was du kannst oder wer du bist, sondern lieben dich einfach. Und erfüllen damit dein Leben…

Dieser Beitrag hat 5 Kommentare

  1. Ich kann dem nur zustimmen, egal wie schwer es ist mit einem T18-Kind, es ist eine bedingungslose Liebe und man lernt im Leben was wirklich wichtig ist und das man für jeden Tag dankbar sein sollte.

  2. Ja, die hohe Abtreibungsrate ist wirklich erschütternd. Andererseits habe ich gelesen, dass durch den Test eingriffsbedingte Fehlgeburten verringert werden könnten. Allein in Deutschland sterben nach den Berichten jedes Jahr hunderte Kinder infolge von Komplikationen bei den Untersuchungen. Daher fällt es mir nicht so leicht, den Test grundsätzlich abzulehnen. Ich finde vielmehr, das wirft ein echtes Dilemma auf. Möglicherweise sollte es eher darum gehen, andere Konsequenzen aus einer Diagnose zu ziehen als das derzeit die meisten tun – unabhängig von der Untersuchungsmethode. Wie sieht Ihr das?

  3. Leider ist die Konsequenz aber in den meisten Fällen eine Abtreibung. Unsere Erfahrungen mit der pränatalen Diagnostik zeigen, dass alles, was nicht in die “Norm” passt, abgetrieben wird. Mein Mann und ich mussten vor Jaëls Geburt regelrecht für ihr Existenzrecht kämpfen. Da stimmt doch etwas nicht…

    Dass durch den Test die Fehlgeburtenrate verringert werden kann, empfinde ich persönlich als äußerst fragwürdig. Die Frage ist doch: Warum mache ich überhaupt einen Test? Akzeptiere ich mein Kind, so wie es ist? Wenn ja, wozu der Test? Wenn nein, bedarf es auch keiner Diskussion und ich treibe ab.

    Was mich traurig macht, ist die Art und Weise, wie wir mit ungeborenem Leben umgehen. Werden die Kinder erst später durch eine Krankheit oder einen Unfall behindert, würde auch niemand auf die Idee kommen, sie zu töten. Aber solange die Kinder im Mutterbauch sind, nehmen wir uns das Recht, über Leben und Tod zu entscheiden.

  4. Liebe Shabnam, ich stimme Dir zu – vieles spricht leider dafür, dass Tests gegenwärtig vor allem als Entscheidungsgrundlage für Abtreibungen dienen. Andererseits möchte ich Verfahren auch nicht generell verteufeln, wenn damit Leben gerettet werden können. Man denke zum Beispiel an die Möglichkeiten, Kinder schon im Mutterleib operieren zu können, wenn bestimmte Krankheitsbilder erkannt werden. – Wobei ich nicht zu beurteilen vermag, ob der erwähnte Schnelltest solche Chancen bietet – bei möglicherweise geringeren Risiken als invasive Methoden.

  5. Liebe Shabnam,
    ich bin Mutter eines Jungen (fast 17J) mit Down Syndrom. Ich bin jetzt 51J. Als ich schwanger war habe ich den Arzt gefragt ob ich in meinem Alter eine Fruchtwasseruntersuchung machen sollte.
    Er verneinte, da es keine Anzeichen gab dies tun. Meine Antwort: Wäre ja eh egal da ich auch ein behindertes Kind annehme.So war es dann auch und ich war dann erst mal schockiert dass das eingetroffen ist. Man kommt dann ins grübeln. Bei näherer Betrachtung hätte ich ich bei einer folgenden Schwangerschaft wieder keine Fruchtwasseruntersuchung gemacht, da ich mich auf jeden Fall wieder für das Kind entschieden hätte. Ich hätte es sonst als Verrat an meinem Sohn empfunden. Er ist ein toller Teenager und ich bin froh das es ihn gibt. Er wurde gut gefördert, besucht eine integrative Walldorfschule und ist jetzt in der 11. Klasse.

    Eine Freundin ist nach drei Jahren des Bemühen endlich auf natürlichem Weg schwanger geworden, und da es Hinweise gab das etwas nicht stimmt wurde ihr eine Fruchtwasseru. angeraten. Es stellte sich T18 raus. Die Ärzte haben ihr auf jedenfall zu einem Schwangerschaftsabbruch geraten. Überlebenschance schlecht, sterben oft noch im Mutterleib oder gleich nach der Geburt usw. Sie hat den Abbruch schweren Herzens vollzogen, noch bevor sie das Kind spürt. Sie leidet fürchterlich, macht sich Vorwürfe das der Abbruch doch ein Fehler war, brauch nun psychologische Hilfe. Diese neuen Tests finde ich ganz fürchterlich, man wird vor eine Entscheidung gestellt über Leben und Tod zu entscheiden, und das auf anraten der Ärzte!!! Wie Du schon schreibst: Hätte ich einen Unfall und wäre dann behindert möchte ich auch nicht als nicht lebenswert entsorgt werden. Ich könnte noch soll viel schreiben, aber ich belasse es jetzt dabei.
    Liebe Grüße

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