Beiträge mit Tag ‘trisomie21’

“Glück ist, was einem erspart bleibt.”

Diesen Satz habe ich gerade in Viktor Frankls Buch “… trotzdem Ja zum Leben sagen” gelesen. Ein wirklich empfehlenswertes Buch. Frankl überlebte Auschwitz und beschreibt, wie wenig unser Glücksempfinden von unseren Lebensumständen abhängt. Dieser Satz lässt mich nicht mehr los, und ich bin wirklich zutiefst dankbar für alles, was uns in den letzten 11 Jahren erspart geblieben ist.

Er bringt mich aber auch zum Nachdenken. Über so viele (auch banale) Dinge, von denen ich wünschte, sie würden uns nicht erspart bleiben. Wir erleben viele, viele Dinge mit Jaël nicht und werden sie leider auch nie erleben:

  • Ich werde nicht mit ihr über ihr nicht aufgeräumtes Zimmer streiten können.
  • Ich werde mit ihr keine endlosen Diskussionen führen, wie lange sie fernsehen, mit ihren Freunden chatten oder telefonieren darf oder wie lange sie am Wochenende wegbleibt.
  • Ich werde sie nicht über ihr gebrochenes Herz der ersten großen Liebe trösten können.
  • Ich werde nicht stundenlang mit ihr Kleider für ihre Konfirmation, Abiball und Hochzeit suchen können.
  • Wir werden nicht bei einem Sportereignis am Rand stehen und sie anfeuern.
  • Wir werden nicht ihren Text für einen Theaterauftritt mit ihr proben und bei der Aufführung noch nervöser sein als sie…

All diese Dinge gehören zum Elternsein dazu. Nicht zu unserem. Es müsste mich traurig stimmen. Tut es vielleicht auch. Aber was überwiegt, ist das Glück, das ich z.B. jeden Morgen erlebe, wenn ich an Jaëls Bett komme und sie noch atmet und mich freudestrahlend umarmt. Oder wenn wir uns mit unserem Lachen gegenseitig anstecken (so wie gerade während ich diese Zeilen schreibe und sie auf meinem Arm ist), dann weiß ich: Glück ist jetzt. Glück ist nicht das, was ich nicht habe, sondern was gegenwärtig ist: Der Augenblick.

Weiter lesen 3 Kommentare

Lesenswerter Kommentar

Dieser Kommentar, geschrieben von Brigitte, erschien gerade zu einem unserer Einträge. Er hat uns sehr bewegt und enthält so viel Nachdenkenswertes. Danke dafür. Damit er besser für alle zu finden ist, möchten wir ihn hier noch einmal zitieren:

Ich bin Mutter eines Jungen (fast 17J) mit Down Syndrom. Ich bin jetzt 51J. Als ich schwanger war, habe ich den Arzt gefragt, ob ich in meinem Alter eine Fruchtwasseruntersuchung machen sollte.
Er verneinte, da es keine Anzeichen gab dies zu tun. Meine Antwort: Wäre ja eh egal da ich auch ein behindertes Kind annehme. So war es dann auch, und ich war dann erst mal schockiert dass das eingetroffen ist. Man kommt dann ins Grübeln. Bei näherer Betrachtung hätte ich bei einer folgenden Schwangerschaft wieder keine Fruchtwasseruntersuchung gemacht, da ich mich auf jeden Fall wieder für das Kind entschieden hätte. Ich hätte es sonst als Verrat an meinem Sohn empfunden. Er ist ein toller Teenager, und ich bin froh das es ihn gibt. Er wurde gut gefördert, besucht eine integrative Waldorfschule und ist jetzt in der 11. Klasse.

Eine Freundin ist nach drei Jahren des Bemühens endlich auf natürlichem Weg schwanger geworden, und da es Hinweise gab, dass etwas nicht stimmt, wurde ihr eine Fruchtwasseruntersuchung angeraten. Es stellte sich Trisomie 18 raus. Die Ärzte haben ihr auf jeden Fall zu einem Schwangerschaftsabbruch geraten. Überlebenschance schlecht, Sterben oft noch im Mutterleib oder gleich nach der Geburt usw. Sie hat den Abbruch schweren Herzens vollzogen, noch bevor sie das Kind spürt. Sie leidet fürchterlich, macht sich Vorwürfe dass der Abbruch doch ein Fehler war, braucht nun psychologische Hilfe.

Diese neuen Tests finde ich ganz fürchterlich, man wird vor eine Entscheidung gestellt über Leben und Tod zu entscheiden, und das auf Anraten der Ärzte!!! Wie Du schon schreibst: Hätte ich einen Unfall und wäre dann behindert möchte ich auch nicht als nicht lebenswert entsorgt werden. Ich könnte noch so viel schreiben, aber ich belasse es jetzt dabei.

Weiter lesen Keine Kommentare

Ist das nicht traurig?

Jean Vanier, Gründer der Arche-Gemeinschaften, erzählt in einem Interview eine Begebenheit, über die man in diesen Tagen gut noch mal nachdenken kann:

“Eines Tages war ein Mann zu Besuch in unserer Gemeinschaft, und wir saßen in meinem Büro. Plötzlich klopfte es an der Tür, und bevor ich etwas sagen konnte, kam Jean-Claude, ein Junge mit Down-Syndrom, lachend herein. Er schüttelte meine Hand und lachte. Dann schüttelte er dem Besucher die Hand und lachte. Danach verließ er lachend das Zimmer. Der Mann in meinem Büro schaute mich an und sagte: ‚Ist das nicht traurig? Solche Kinder…‘

Ja, es ist wirklich traurig. Es ist traurig, dass dieser Mann vollkommen blind war, er sah nicht, dass Jean-Claude glücklich war. Und das ist die Realität, dass wir vorgefaßte Ideen, Vorurteile haben. Wenn Menschen irgendeine Fehlbildung haben, werden sie als arme kleine Menschen ohne Wert gesehen, während sie in Wirklichkeit vielleicht sehr glückliche Menschen sind.”

Weiter lesen 2 Kommentare