Beim Aufgang der Sonne

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Beim Aufgang der Sonne
und bei ihrem Untergang
erinnern wir uns an sie

Beim Wehen des Windes
und in der Kälte des Winters
erinnern wir uns an sie

Beim Öffnen der Knospen
und in der Wärme des Sommers
erinnern wir uns an sie

Beim Rauschen der Blätter
und in der Schönheit des Herbstes
erinnern wir uns an sie

Zu Beginn des Jahres
und wenn es zu Ende geht,
erinnern wir uns an sie

Wenn wir müde sind
und Kraft brauchen,
erinnern wir uns an sie

Wenn wir verloren sind
und krank in unserem Herzen,
erinnern wir uns an sie

Wenn wir Freude erleben,
die wir so gern teilen würden,
erinnern wir uns an sie

So lange wir leben
wird sie auch leben,
denn sie ist nun ein Teil von uns,
wenn wir uns an sie erinnern.

Nach “Tore des Gebets”, reformiertes jüdisches Gebetsbuch

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Von Jaël-Kompetenz bis Trauerbewältigung

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Nach Jaëls Abschied über sie und das Leben mit ihr nachzudenken und zu schreiben, fühlt sich für uns gerade gut und richtig an. Es ist eine der Sachen, die man für einen geliebten Menschen nach seinem Tod noch tun kann, wenn Abschiedsphase und Beerdigung vorbei sind. Der Psychotherapeut Roland Kachler rät:

Tun Sie zunächst das, was Sie für Ihren geliebten Menschen tun möchten, gerade jetzt nach seinem Tod. Sie werden vielleicht fragen, was Sie jetzt noch für ihn tun können, da er doch nicht mehr lebt und nicht mehr da ist. Doch weil die Liebe zu Ihrem geliebten Menschen mit seinem Tod nicht zu Ende ist, sondern über seinen Tod hinausreicht, können Sie noch vieles für ihn tun. *

Nachdenken, Erinnern und Schreiben aus Liebe zu Jaël – das klingt für uns jetzt nach dem richtigen Weg. Schnell häufen sich dabei die Gedanken und Ideen, so dass wir erst einmal Kategorien brauchen:

1. Abschiedsphase

Die fünf letzten Tage mit Jaël waren so besonders und intensiv. Großeltern und Freunde waren immer wieder dabei. Wir alle zusammen, Jaël in der Mitte – eine echte Shalom-Erfahrung, ich kann es nicht anders ausdrücken. Davon wollen wir erzählen. Genauso von der Trauerfeier, die so schön und heilsam war, eine Erfahrung, die für Eltern verstorbener Kinder leider nicht selbstverständlich ist. Weisheit und Ermutigung begegnet uns in den Kondolenzkarten zu Jaëls Tod. Für uns sehr tröstlich und inspirierend, was liebe Menschen geschrieben haben. Ein paar schöne Zitate (natürlich anonym) wollen wir hier gerne veröffentlichen.

2. Trauerbewältigung

Hier möchten wir darüber schreiben, welche Gedanken und Ansätzen uns bei der Trauerbewältigung helfen. In der Trauertherapie wird von verschiedenen Trauerphasen ausgegangen: Nach dem ersten Nicht-Wahrhaben-Wollen und Verleugnung (1. Phase der Trauer) folgt eine Phase der aufbrechenden Gefühle (2. Phase der Trauer) Es kommt zu einer langsamen Neuorientierung (3. Phase der Trauer), bevor ein neues Gleichgewicht (4. Phase der Trauer) entstehen kann. Die Phasen sind natürlich nicht so klar voneinander abzugrenzen. Und es wird für Trauernde auch immer wieder Abstecher aus späten Phasen in frühe Phasen der Trauer geben.

3. Jaël-Kompetenz

Unsere Tochter hinterlässt uns ein reiches Erbe an Haltungen dem Leben gegenüber, das wir kultivieren und pflegen möchten. In der Traueransprache prägte unsere Pastorin dafür den Begriff “Jaël-Kompetenz”:

  • Liebe
  • Beziehung (Umarmen, Augenkontakt, Zünden)
  • im Augenblick sein
  • Großzügigkeit
  • Fröhlichkeit
  • Gelassenheit.

In all dem können wir von unserer Tochter einiges lernen. Dafür soll in dieser Blog-Kategorie Raum sein.

4. Stationen aus Jaëls Leben

Hier wollen wir schreiben, was wir mit Jaël an verschiedenen Stationen erlebt haben. Erinnerungen an die Geburt, Zeiten in KiTa und Schule, die Unterstützung durch Ärzte, Klinikum, Kinderhospiz und Kinderpalliativteam.

5. Verschiedenes

Und alles, was nicht in andere Kategorien passt, findet hier seinen Platz: Praktische Tipps und Hilfen, die anderen Eltern besonderer Kinder eine Hilfe sein könnten, z.B. zum Umgang mit der Krankenkasse oder dem Medizinischen Dienst. ;) Inspirierende Gedanken, die Frage nach Gott und Glauben in schwierigen Zeiten… Die Kategorie “Verschiedenes” füllt sich meist von selbst, wenn man einmal angefangen hat.

Das Gerüst steht also, wir werden beginnen, es zu füllen. Aber auch hier gilt, was für Trauerphasen so wichtig ist:

Alles darf, nichts muss.

Wir gehen unseren Weg.

Mit unserem Tempo.


* Kachler, Roland 2011. Was bei Trauer gut tut: Hilfen für schwere Stunden. Freiburg: KREUZ VERLAG.

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Zwischenzeit

haendeVor einer Woche ist unsere geliebte Tochter Jaël verstorben. Es waren unglaublich intensive fünf Tage des Abschieds, die uns zuvor geschenkt wurden. Wir zehren immer noch davon. Auch von der bewegenden Trauerfeier am Freitag, von der hier noch zu lesen sein wird.

Freunde fragen uns in diesen Tagen, was wir jetzt machen. Wie es weitergeht. Für uns als Eltern ist nun eine Zwischenzeit angebrochen. Etwas Großes ist plötzlich vorbei und hinterlässt doch überall seine mächtigen Spuren. Das Neue hat noch nicht begonnen. Und darf es auch noch nicht. Damit das, was war, weiter strahlen kann. Shabnam und ich wollen die Entwicklungen in den nächsten Wochen aktiv verarbeiten und suchen und finden dabei Hilfe in vielfältiger Weise:

Reden hilft

Was wir denken, wollen wir nicht verschweigen, sondern aussprechen: Schöne Erinnerungen, schmerzliches Vermissen – alles darf jetzt sein. Nichts muss. Wir sind froh, dass wir dies miteinander teilen können. Und auch mit anderen. Freunde laden uns ein, wir dürfen in diesen Tagen viel unterwegs sein. Dazu gehört auch der Besuch im Kinderhospiz Olpe, wo Jaël seit 2007 immer wieder so liebevoll begleitet wurde, während wir als Paar unseren Akku aufladen konnten.

Anteilnahme hilft

Die Reaktionen auf Jaëls Tod sind überwältigend. So viele Mails, Karten, liebe Worte, die uns Trost spenden. Wir sind sehr dankbar dafür und freuen uns über jeden einzelnen Gruß. Dabei überraschen uns viele Zeilen mit Gedanken, die ganz neue Perspektiven auf unsere Geschichte mit Jaël ermöglichen. Und auch auf die jetzt angebrochene Zeit der dankbaren Erinnerung.

Lesen hilft

Bücher zur Trauerbewältigung gibt es viele. Oft steht dabei der Ansatz des Abschieds und Loslassens im Vordergrund. Der Psychotherapeut Roland Kachler hat nach dem Unfalltod seines eigenen Sohnes einen neuen, viel beachteten Ansatz im Verständnis der Trauer entwickelt: Nicht das Loslassen, sondern die Liebe zum Verstorbenen steht im Zentrum des Trauerprozesses. Die Liebe ist das Ziel der Trauerarbeit, sie führt durch den Trauerprozess und findet eine neue, innere Beziehung zum Verstorbenen. Für uns scheint dieser Ansatz besonders im Blick auf unsere Tochter stimmig, die selber so voller Liebe war und andere mit ihrer Liebe angesteckt hat. Wir werden also lesen. Und davon berichten, denn:

Schreiben hilft

Die erste Weihnachtszeit ohne Jaël kann und darf nicht so sein wie vorher. Wir brauchen Zeit, um alles zu verarbeiten und werden uns dafür zurückziehen. Und wir wollen unsere Gedanken in diesem Blog aufschreiben. Für uns selbst, weil Schreiben hilft. Und vielleicht auch für andere, die um Jaël trauern. Oder die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und noch machen werden. Ein Konzept dafür steht bereits. Wir stellen es euch im nächsten Post vor.

So wünschen wir nun euch und uns eine gesegnete Zwischenzeit.

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